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Zeitungsartikel, Kölner Stadtanzeiger, 6.2.2018

Heute ist mein Interview in der auflagenstärksten Tageszeitung Kölns, dem Kölner Stadtanzeiger, erschienen. Inhaltlich nehme ich hier Stellung zur sehr fordernden Situation von Partnern und Angehörigen depressionserkrankter Menschen, den Gefahren von emotionalen Abhängigkeiten und von Co-Erkrankungen, den Grenzen der Unterstützungsmöglichkeiten und der Verantwortungsübernahme für sich selbst und für Kinder.

Ich bedanke mich herzlich bei der Redakteurin Frau Lehnen für das Interview.

Hier der Artikel auch in Reinschrift:

Stephan Brückner (48) erlebte als Kind die schwere körperliche Erkrankung und die Depressionen seiner Mutter mit. Gleichzeitig wurde er väterlicherseits intensiv zum „starken Mann“ erzogen. Als Folge dieser Prägungen konnte er seine eigenen Depressionen über acht Jahre lang nicht zugeben. Obwohl er währenddessen vier sehr schwere Schübe – über je circa sechs Monate – mit suizidalen Absichten erlebte. Doch seit er sich in Therapie befindet und einen fünfmonatigen Aufenthalt in der Psychiatrie absolvierte, kann er mit der Erkrankung besser umgehen. Die Kontrolle seiner Gedanken zwecks Regulierung der Emotionen ist sein wesentlichstes Instrument geworden. Heute arbeitet der Düsseldorfer mit seinem Projekt „Wachstumschance Depression“ als Depressions- und Selbsthilfe-Berater, hält Vorträge und Workshops zB bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.
Als Erfahrungsexperte begleitet er depressionserkrankte Menschen, aber auch Partner und Angehörige.
(Webseite: wachstumschance-depression.de)

Herr Brückner, Sie litten selbst viele Jahre unter Depressionen und beraten heute Betroffene, Partner und Angehörige. Erinnern Sie sich an ein Verhalten Ihrer Frau, das Ihnen damals geholfen hat?

Sie hat mich nicht unter Druck gesetzt. Aber sie hat mir dennoch klar gemacht, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass sich mein Zustand, aber auch unsere Beziehung, immer mehr verschlechtern werden, wenn ich nicht zugebe, dass ich eine Depression habe und mich behandeln lasse.

Können Sie heute nachempfinden, wie schwer es für Ihre Frau gewesen sein muss, Ihren Zustand zu ertragen?

Absolut! Totale Überforderung! Depressionen sind eine lebensgefährliche Erkrankung. Aber unsichtbar und für Außenstehende kaum nachvollziehbar. Außerdem belasten Depressionen enorm die Partnerschaft. Glücklicherweise neigt sie aber nicht zu emotionaler Abhängigkeit, was oft ein erhebliches Problem bei Partnern und Angehörigen darstellt. Und unser Glück war, dass ich nicht sehr häufig aggressiv ihr gegenüber wurde. Aus meiner heutigen Beratungsarbeit weiß ich, dass viele Erkrankte ihrem Partner gegenüber mitunter sehr aggressiv werden können. Irgendwann waren depressionsbedingt alle meine Gefühle weg. Auch meiner Frau gegenüber. Ich verspürte höchstens noch so etwas wie Verantwortung, aber keine Liebe mehr. Das ist sehr hart für einen Partner.

Ist da auch Wut erlaubt?

Die echten Gefühle sollten gezeigt werden, aber ohne Vorwürfe. Oft geht der respektvolle Umgang verloren. Es lässt sich auch nicht alles mit einer Depression entschuldigen. Viele Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, entwickeln narzisstische Züge. Manche demütigen ihren Partner, erpressen ihn emotional, wenn auch oft unbewusst und im Grunde unbeabsichtigt. Das ist für Partner und Angehörige schwer zu ertragen. Und da ist professionelle Unterstützung, sowie Abgrenzung wichtig, weil man ansonsten selbst immer mehr verzweifelt.

Vielen Partnern von Erkrankten fällt aber gerade dieser Abstand schwer, schließlich fühlen sie sich oft in der Verantwortung.

Fraglos schwierig. Aber es gilt rigoros zu erkennen: Sie tragen keine Verantwortung für den Gesundheitszustand des Erkrankten! Und Sie können einen geliebten Menschen nur dann sinnvoll unterstützen, falls er seine Erkrankung einsieht. Und falls sie beide bereit sind, sich miteinander vollkommen ehrlich auszusprechen und verbindliche und beiderseits tragfähige Vereinbarungen zu Kommunikation und Verhalten zu etablieren. Da zumeist die Situation schon zu verfahren ist, bekommen das Paare und Familien aber meistens nicht alleine hin. Nehmen Sie sich dazu eine professionelle Mediation. Wenn er das alles ablehnt, ist das sein freier Wille. Doch dann können Sie nicht helfen. Und wenn Sie sich dann nicht trennen oder zumindest klar abgrenzen, laufen Sie Gefahr, dass sich der Gesundheitszustand und die Beziehungsqualität bei beiden immer weiter verschlechtern. Der Erkrankte muss offen dafür sein, große innere Widerstände anzugehen, weil die zugrundeliegenden Glaubenssätze in aller Regel entscheidend mitverantwortlich für seine psychischen Störungen sind. Das ist ein schwieriger und langer Prozess, an dem Sie übrigens beide wachsen können. Doch wenn er dazu nicht bereit ist, können Sie sich an der Depression des Erkrankten abarbeiten. Bis hin zur totalen Erschöpfung und Co-Erkrankung.

Ist eine Trennung dann der richtige Weg?`

Oft kann eine Trennung der einzige Weg sein, selbst gesund zu bleiben. Jedenfalls sollten nicht Mitleid oder emotionale Abhängigkeiten dagegen sprechen. Ich kenne tragische Beispiele solcher Partnerschaften über 20, 30 Jahre. Und meiner Auffassung nach geht es dort oft den Partnern schlechter, als den eigentlich Erkrankten. Passen Sie also gut auf sich auf! Viele Partner verlieren sich selbst! Nehmen Sie daher auch professionelle Hilfe an. Betreiben Sie konsequent Selbstfürsorge! Und wenn Kinder im Spiel sind, sieht die Sache auch nochmal anders aus. Denn den Kindern gegenüber haben Sie unmittelbare Verantwortung. Die müssen sie schützen. Um jeden Preis. Außerdem rate ich in diesem Fall dringend zu einer Begleitung durch einen Kinder- oder Jugendpsychotherapeuten.

Entwickeln die Kinder sonst auch psychische Erkrankungen?

Natürlich nicht zwangsläufig. Aber Kinder sind den Depressionen des erkrankten Elternteils hilf- und wehrlos ausgesetzt. Und Kinder lernen nun einmal von ihren Eltern. So übernehmen sie zuweilen psychisch belastende Glaubenssätze, entwickeln häufig Schuldgefühle und seelische Störungen.

Hilft es dem Partner, wenn ich sage: Ich gehe mit zum Arzt, wir suchen gemeinsam einen Therapeuten?

Wenn der Partner offen ist, ist das ein super Angebot, zumal er bei schwererer Erkrankung einfach zu erschöpft ist, sich selbst darum zu kümmern. Ich erlebe aber auch manchmal, dass Partner sich in guter Absicht überfürsorglich und entmündigend verhalten. Sie dürfen einem Erkrankten nicht alles abnehmen! Auch wenn ein Partner krank ist, kann die Beziehung nur funktionieren, wenn sich beide weiter auf Augenhöhe begegnen und nicht der eine in die Elternrolle verfällt und den anderen zum Kind macht. Das gibt es übrigens auch in der umgekehrten Richtung.

Sie meinen, dass der Erkrankte die Vater- oder Mutterrolle übernimmt?

Ja, der Partner wird dadurch in eine emotionale Abhängigkeit gezwungen. Häufig machen Depressionserkrankte dem Partner Schuldvorwürfe, um sich selbst vermeintlich besser zu fühlen und die Selbstverantwortung von sich zu weisen.

Wie gehe ich damit um, wenn der Erkrankte andeutet, sich selbst etwas antun zu wollen?

Suizidandeutungen sollten grundsätzlich unbedingt immer ernst genommen werden! Manchmal werden Trennungswünsche und Suizidgedanken aber auch erst dann geäußert, wenn der andere im Begriff ist, sich besser abzugrenzen. Das ist dann wie ein verzweifelter, letzter Versuch, diese Abhängigkeit und dieses Schuldgefühl wieder herzustellen. Deshalb fragen Sie Ihren Partner: Wie ernst meinst Du das? Im Zweifel müssen Sie für eine Zwangseinweisung sorgen. Das ist möglich, wenn eine Gefährdung für eigenes oder fremdes Leben besteht.

Angenommen der Partner ist einsichtig und begibt sich in Therapie: Auch dann steht dem Paar ja noch ein langer Weg bevor. Welche Tipps haben Sie?

Am wichtigsten sind eine zu hundert Prozent ehrliche Aussprache und verbindliche Verhaltens- und Kommunikationsregeln, die voller gegenseitiger Wertschätzung erfolgen, am besten mit professioneller Hilfe. An oberster Stelle steht: Gewaltfreie Kommunikation. Sagen Sie: “Ich fühle mich verletzt, wenn du das machst”, statt “Du bist so gemein zu mir”. Das klingt banal, hat aber zur Folge, dass der Partner sich nicht rechtfertigen muss, was häufig in schlimmen Streits ausartet. Er kann stattdessen einfach zuhören. Wer ohne Groll und das Gefühl angegriffen zu werden zuhören kann, versteht häufig auch besser, was im anderen vorgeht. Außerdem: Vereinbaren Sie ein Zeichen als Notfallstopp!

Ein Time-out wie beim Baseball?

Genau! Trotz aller guten Absichten bleiben wir Menschen und jeder kann mal die Fassung verlieren. Wenn die Dinge festgefahren sind, einer aggressiv wird, Sie sich angreifen, beschimpfen – stoppen Sie die Sache mit einem Time-out-Zeichen und vereinbaren Sie, wann genau Sie lösungsorientiert weiterreden wollen.

Menschen, die an Depressionen leiden, sind oft lethargisch und meiden sozialen Kontakt. Was soll der Partner tun: Den anderen zur Grillparty und zum Spazierengehen zwingen? Oder in Ruhe lassen?

Zwingen keinesfalls. Fragen Sie ihn, ob er Sie nur die ersten 200 Meter begleiten mag. Sagen Sie ihm, dass er problemlos die Grillparty schon nach 30 Minuten wieder verlassen kann. Zeigen Sie ihm, dass Sie sich darüber bereits ehrlich freuen würden. Weil Sie verstehen, dass es für ihn schon eine große Leistung ist. So gewinnt er Handlungsspielraum.

Wir haben jetzt immer über Partnerschaften geredet. Was ist, wenn derjenige, der erkrankt ist, mir nicht so extrem nahe steht? Wenn es ein Freund ist oder Arbeitskollege?

Sprechen Sie ihn mitfühlend darauf an, dass Sie eine Veränderung wahrnehmen. Bemitleiden Sie den anderen aber nicht. Vermeiden Sie kluge Ratschläge wie: „Reiß dich mal zusammen.“ oder „Lass uns raus, das Wetter ist doch so schön.“ So etwas erleben Erkrankte als ungeheuer leidvoll, weil damit die eigentliche Problematik unverstanden bleibt. Machen Sie sowohl sich als auch ihm klar, dass Sie keine Lösungen haben. Sondern bieten Sie an, dass Sie einfach zum Zuhören da sein können. Wenn Sie das wirklich leisten wollen, ist das eine immens große Hilfe.

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